Die "neue" Ausbildung zur Allgemeinmedizin

TitelDie "neue" Ausbildung zur Allgemeinmedizin
MedientypÖGAM-News
AutorenKatzbeck, J
Vollständiger Text

Es wurde versucht, aber man scheiterte kläglich. Die Rede ist von der verpatzten Chance, die Ausbildungsordnung für Allgemeinmediziner zukunftsfähig zu gestalten.  
2015 trat die neue Ärzteausbildungsordnung in Kraft, in welcher der verpflichtende dreijährige Turnus zu einer neunmonatigen Basisausbildung wurde. Wer Arzt für Allgemeinmedizin werden möchte, absolviert im Anschluss an die Basisausbildung 27 Monate Spitalturnus. Die Lerninhalte werden in chirurgischen sowie auch in konservativen Fächern vermittelt. Dies erfolgt durch einen geplanten Rotationsrhythmus auf sieben vorgegebenen Stationen. An diesen Spitalturnus schließt die verpflichtende sechsmonatige Lehrpraxis bei einem Arzt für Allgemeinmedizin an. So dauert die Ausbildung für angehende Allgemeinmediziner in Summe 42 Monate, wobei 36 Monate im klinischen Bereich verbracht werden. Jedoch kann vieles, was in der Allgemeinmedizinpraxis gelebt und ausgeübt wird, im Klinikalltag nicht vermittelt werden.
Im Gegensatz zum Spital bietet die Allgemeinmedizin die Grundversorgung von Patienten jeden Alters mit körperlichen und seelischen Gesundheitsstörungen in der Notfall-, Akut- und Langzeitversorgung an. Daher müssen Allgemeinmediziner als erste ärztliche Ansprechperson bei allen Gesundheitsproblemen helfen sowie zur Gesundheitsförderung, Gesundheitsbildung und Rehabilitation beitragen. Dabei beruht die Arbeitsweise auf einem ganzheitlichen Fallverständnis und berücksichtigt das Krankheitskonzept der jeweiligen Person sowie somatische, psychosoziale, soziokulturelle und gesundheitsökonomische Aspekte. So umfasst sie auch eine haus- und familienärztliche Funktion und die Betreuung von Personen im familiären, sozialen und häuslichen Umfeld. Die dafür nötige Arbeitsgrundlage bildet die auf Kontinuität angelegte Arzt-Patienten-Beziehung und die erlebte Anamnese. Durch diese Form der Beziehungsmedizin kann die Allgemeinmedizin eine qualitativ hochwertige Primärversorgung garantieren und zu einer präventiven Gesundheitsbildung in der Gesellschaft beitragen. Dadurch stellt sich die Frage, wieso der Ausbildung zur Allgemeinmedizin, die ein so breites Spektrum umfasst, so wenig Beachtung geschenkt wird.
Schon vor 100 Jahren kritisierte der schottische Allgemeinmediziner James Mackenzie (1823–1925), kurz nachdem er seine hausärztliche Tätigkeit aufgenommen hatte, die Ausbildung zur Allgemeinmedizin. Seiner Meinung nach sollten Personen, die keine Erfahrung in der hausärztlichen Tätigkeit haben, angehende Allgemeinmediziner nicht lehren. Zum einen fehle es ihnen an Wissen in Bezug auf die Herausforderungen und Aufgaben in der Primärversorgung, zum anderen wird der Fokus auf die Klinikarbeit gelegt, und die Vorbereitung auf das zukünftige Berufsfeld tritt in den Hintergrund. Dies wurde das  „Mackenzie Puzzle“ genannt.*
Auch heute sind die Bedingungen ähnlich. Angehende Allgemeinmediziner haben erst nach drei Jahren Klinikerfahrung die Möglichkeit, eine Lehrpraxis zu besuchen und darin mitzuwirken.
Ausgehend davon stellt sich die Frage, wie es möglich sein sollte, den Beruf der Allgemeinmedizin ohne ausreichende Erfahrung adäquat auszuüben. Es besteht die Gefahr, die eigenen Patienten als „Versuchskaninchen“ missbrauchen zu müssen.
Zusätzlich verlieren viele Studenten und Ärzte in Ausbildung während ihrer Arbeit in der Klinik aufgrund der fehlenden Präsenz der Allgemeinmedizin diese aus den Augen. Ein frühzeitiger und dauerhafter Kontakt während des Studiums, als Rotation in der Basisausbildung und insbesondere am Anfang der Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin ist notwendig. Nur so kann gewährleistet werden, dass die Allgemeinmedizin nicht nur als Randerscheinung, sondern als essenzieller Teil der Medizin gesehen und nicht übersehen wird.
Neben der notwendigen Aufstockung der Lehrpraxismonate braucht es ein begleitendes Mentoring-Programm bereits während der Spitalszeit, um das gelernte Spitalswissen auch sinnvoll für die zukünftige Tätigkeit in der Primärversorgung einordnen zu können. Eine stabile und kontinuierliche Betreuung der Auszubildenden während der Ausbildung ist essenziell, um kompetente und begeisterte zukünftige Ärzte für Allgemeinmedizin zu gewinnen.