Was ist Familienmedizin (nicht) - Definition, Modelle und Grenzen der Familienmedizin

TitelWas ist Familienmedizin (nicht) - Definition, Modelle und Grenzen der Familienmedizin
MedientypÖGAM-News
AutorenHowe, A, Wendler, M, Degn, B
Vollständiger Text

Oft beginnen Vorlesungen mit einer Definition – eine in der WONCA gebräuchliche Definition für FamilienmedizinerInnen ist:

  • Sie sind dazu ausgebildet, mit Menschen in allen Lebensstadien umzugehen
  • Sie sind medizinische Generalisten und erste Anlaufstelle für alle möglichen gesundheitlichen Problemen im Setting der Primärversorgung und
  • Sie stellen ein umfassendes, breit zugängliches Service zur Verfügung, fokussiert auf lokale Kommunen, ermöglichen Kontinuität in der Betreuung und konzentrieren sich auf die Betreuung von Personen – nicht auf spezifischer Teile ihres Körpers oder auf spezifische Erkrankungen.

Ich habe letztendlich 3 verschiedene Arbeitsformen von FamilienmedizinerInnen weltweit gesehen:

  • Alleine arbeitende Allgemeinmediziner, mit einer Liste von Patienten die- oder auch nicht – in der Nähe leben: unterstützt wird dieser Arzt meist von einem/einer weiteren MitabeiterIn. Es kann eine starke und enge Arzt-Patienten-Beziehung entstehen, weil alleinig dieser Arzt für den Patienten verantwortlich ist.
  • Eine Gruppenpraxis mit mehreren Ärzten, oftmals auch mit Krankenschwestern und anderen Gesundheitsberufen zusammenarbeitend.
  • Ein „Department“ oder ein institutionalisiertes Setting, in der unmittelbaren Nähe oder auch in Krankenhäusern, direkt neben spezialisierten Diensten.

Aber: welches Modell auch immer existiert, wir können innerhalb dieses Modells folgende Variablen beobachten:

  1. Der Aufgabenbereich der Praxis – viele AllgemeinmedizinerInnen nutzen nicht alle Möglichkeiten ihrer Disziplin in der Ordination/Zusammenarbeitsform. Als Beispiel: in England sind FamilienmedizinerInnen dazu ausgebildet, sowohl Kinder und als auch Erwachsene zu behandeln, sie machen gynäkologische Routine-Untersuchungen und sind für die Prävention zuständig – in anderen Ländern betreuen FamilienmedizinerInnen nur Erwachsene, verschreiben keine Verhütungsmittel oder machen keine Cervixabstriche.
  2. Lokale Vernetzung –  manche Systeme schaffen keinen Anreiz für die Registrierung oder Betreuungskontinuität bei einem betreuenden Arzt. Patienten können Anbieter frei wählen oder gar die Primärversorgung um- und direkt zu Spezialisten gehen. In anderen Ländern gibt es Einschreibe-Listen, die nicht wohnort-bezogen sind. Eine Praxis, die keinen kontinuierlichen Kontakt mit den gleichen PatientInnen über einen längeren Zeitraum hat, ist nicht in der Lage effektive Gesundheitsprävention und – Programme umzusetzen, kann nicht die nicht beachteten Gesundheitsbedürfnisse ihrer Umgebung identifizieren und hat auch Schwierigkeiten in der Betreuung chronisch Kranker (Disease Management). Bei einer nicht auf die wohnortnähe bezogenen Patientenliste ist es schwerer, mit anderen Dienstleistern zusammenzuarbeiten.

Spielt das eine Rolle?

Ich glaube ja, zumindest auf systemischer Ebene: Während individuelle Umstände und Möglichkeiten verschieden sind, ist ein Gesundheitssystem, das nicht den kompletten Kompetenzbereich der Allgemeinmedizin nutzt, sehr wahrscheinlich weniger kosteneffektiv. Ein Arzt, der nicht eine erste Einschätzung der meisten Gesundheitsprobleme machen kann, wird nicht in der Lage sein, junge Kollegen auszubilden, die diese Breite der Patienten kennen lernen müssen. Einzelne Ärzte wählen vielleicht eine spezifische Rolle im Laufe ihrer Karriere, die „weniger“ allgemeinmedizinisch wirkt, aber wir müssen in jedem einzelnen Land in der Lage sein, die volle fachliche Breite unseres Faches darzustellen, damit unser Fach letztendlich verstanden und genutzt wird.

Für Länder in einer Übergangsphase, wo dies noch nicht möglich ist, ist zweierlei wichtig: Pilotprojekte zu zeigen, wo „wirkliche“ Familienmedizin (in der Definition zu Beginn des Artikels) stattfindet und offen, ehrlich und analytisch zu diskutieren, wie Gesundheitssyteme aussehen würden, wo das Idealbild der Allgemeinmedizin im gesamten System implementiert ist. So können wir zumindest die Realität mit einer anzustrebenden Zukunft vergleichen. Es ist wichtig, dass wir uns dessen bewusst sind, wenn Regierungen und Geldgeber Änderungen im System vorschlagen: Wird dies unsere Möglichkeiten zur  Gesundheitsförderung, Prävention, Screening, Akutbetreuung oder Betreuung chronisch Kranker im Laufe der Zeit verbessern? Oder wird diese Änderung die Fragmentierung unseres Systems fördern und unsere Aufgabenbereiche beschränken?

Wir müssen die Prinzipien der Familienmedizin konsequent verteidigen, damit wir all diese Dinge im Laufe der Zeit weiterentwickeln können.

Prof. Amanda Howe, UK, President Elect WONCA
Quelle: http://www.globalfamilydoctor.com/News/PolicyBiteWhatisorisnotFamilyMedicine.aspx

Übersetzung von Dr. Maria Wendler
Review von Dr. Barbara Degn