Was hat die Welt mit uns zu tun?

TitelWas hat die Welt mit uns zu tun?
MedientypÖGAM-News
AutorenDachs, C
Vollständiger Text

Wir haben ein Gesundheitssystem, das durchaus viele Schwächen hat, das manchmal teuer und ineffizient ist, aber andererseits ist die österreichische Bevölkerung auf hohem Niveau gut versorgt, und wir arbeiten weiter daran, das System zu verbessern. Wir können uns das leisten, denn wir sind ein reiches Land und haben ein solidarisches Sozialsystem, auf das wir stolz sein können. Wir Österreicher haben uns dieses Sozialsystem und diesen Wohlstand nach dem 2. Weltkrieg, der viel Not über dieses Land gebracht hatte, erarbeitet, weil viele fleißig gewesen sind und wir in Europa in einer Situation leben, wo es aus vielen Gründen vielleicht etwas leichter gefallen ist. Aber wir sind nicht ganz allein dafür verantwortlich, wir haben, da wir selbst nicht genug Arbeitskräfte hatten, auch Migranten ins Land geholt, die nicht unwesentlich an unserem Aufschwung beteiligt waren. Und wir haben billig Rohstoffe aus anderen, sogenannten 3.-Welt-Ländern importiert und haben dabei die Augen verschlossen, dass es den Leuten dort nicht so gut geht wie uns.

Jetzt ist eine Situation eingetreten, dass in vielen dieser Länder Situationen herrschen, die ein menschenwürdiges Leben unmöglich machen. In Syrien wird ein Krieg geführt, den man sich grausamer nicht vorstellen kann, und z.B. in Aleppo wird auf sarkastisch diabolische Weise die Zivilbevölkerung abgeschlachtet.

Dass sich diese Menschen aufmachen, um eine sichere Bleibe zu suchen, ist allzu verständlich und diese sichere Bleibe suchen sie auch in Europa. Nach einer ersten Welle der Solidarität ist die Angst gekommen, es könnten doch zu viele werden. Wir haben begonnen, äußere und innere Zäune zu errichten, akzeptieren, dass Tausende im Mittelmeer ertrinken, sperren die Leute in riesige Lager weg. Aus Angst vor Islamisierung werfen wir unseren urchristlichen Wert, die Nächstenliebe, über Bord, vergessen, dass die Würde des Menschen in der Verfassung verankert ist und betrachten diese armen, von Krieg und Vertreibung gezeichneten Menschen als nicht gleich- oder sogar minderwertig. Politiker und Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und sich für Flüchtlinge einsetzen, werden beschimpft und diffamiert, das Wort „Gutmensch“ ist zum Schimpfwort degradiert, Flüchtlingsunterkünfte werden angezündet und Menschen für ihre Haltung niedergeschlagen. Dass damit immer wieder demokratische Regeln in Frage gestellt oder mit Füßen getreten werden, gibt Anlass zur Sorge.

Wir in Europa sind nach wie vor reich, wir können uns vieles aus einem enormen Überfluss leisten. Wir könnten viel mehr Leute aufnehmen, als wir es bis jetzt tun, wenn wir Europa wirklich als solidarische Gemeinschaft leben würden und nicht nur als ökonomische Zweckgemeinschaft, wie es gerade im Moment zu sein scheint.

Es ist meine volle Überzeugung, dass wir Ärzte, vor allem die Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner, die wir so nah am Menschen sind, gewichtigen Einfluss haben auf das soziale Klima in unserer Umgebung. Ich würde mich freuen, wenn wir viele Kolleginnen und Kollegen motivieren könnten, sich dieser sozialpolitischen Aufgabe zu stellen und aufklärend, nicht ausgrenzend, wirksam zu werden. Wir werden als Ärzte nach wie vor als moralische Instanz gehört und gesehen und diese Tatsache sollten wir nutzen.

Historisch betrachtet haben in Zeiten, in denen Nationalismus und Egoismus anderen gegenüber die Oberhand gewonnen haben, immer im Chaos, Krieg und in Zerstörung geendet. Das ist Evidenz basiert!

WONCA Europe 2015 - Istanbul Statement: Refugees should have access to equitable, affordable and high-quality health care services in all Europe.

Dr. Christoph Dachs